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Home Einsatzberichte Der Apoplex den keiner wollte

Blaulicht - Quelle: new-facts.eu - Foto: R. Zwiebler

Dienstag Vormittag, 10:36 Uhr. Unser Rettungswagen wird, zusammen mit einem Notarzt aus dem Nachbarlandkreis, unter dem Stichwort „Apoplex akut“ in ein etwa 10 Fahrminuten entferntes Dorf alarmiert.

Blaulicht - Quelle: new-facts.eu - Foto: R. ZwieblerDa das Notarztfahrzeug eine deutlich längere Anfahrtstrecke hat, sind wir bereits einige Zeit vorher am Einsatz und beginnen mit der Versorgung. Der männliche Patient ist 72 Jahre alt und sitzt bei unserem Eintreffen auf einem Sessel im Wohnzimmer. Direkt fällt uns auf, dass er deutlich nach rechts geneigt sitzt und einen hängenden Mundwinkel auf der rechten Seite hat. Er wirkt etwas verwirrt, greift mit der linken Hand in die Luft und bewegt seine Augen suchend durch den Raum.

Es gibt nicht besonders viele Notfälle, in denen wir bereits beim ersten, kurzen Anschauen des Patienten aus noch einigen Metern Entfernung sehen, um was es sich handelt. Dieser Patient, da sind mein Kollege und ich uns – auch ohne ein Wort zu wechseln – sofort einig, hat einen Schlaganfall wie er im Lehrbuch steht. Aus diesem Grund können wir bereits direkt gezielte Fragen stellen und die notwendige Versorgung beginnen. Es gilt noch einige Dinge abzuklären, denn der Teufel ist ja bekanntermaßen ein Eichhörnchen und es gibt durchaus auch noch weitere Erkrankungen, die mal solche Symptome auslösen können. Während wir den Patienten untersuchen und bereits gleich die notwendigen neurologischen Tests durchführen, erfragen wir den genauen Hergang und den zeitlichen Ablauf.

EKG - Quelle: asklepiosservices.scival.comDie Fremdanamnese bei der anwesenden Tochter ergibt, dass der Patient vor etwa 2 Stunden plötzlich seine rechte Seite nicht mehr spüren konnte, unkontrolliert vom Stuhl gerutscht war und seither – wenn überhaupt – nur noch mit stark verwaschener Sprache zusammenhangslose Worte von sich gab. Auf unsere Frage hin, warum sie nicht sofort bei uns angerufen habe, gibt die Tochter an, dass sie im ersten Moment davon ausgegangen war, ihm sei – wie so oft – mal wieder der Blutzucker entgleist. Darauf hatte sie erst einmal den Hausarzt verständigt und versucht, dem Patienten Traubenzucker einzuflößen.

Wir bekommen heraus, dass der Doktor auch bereits hier gewesen war. Er hatte den Patienten untersucht und sich dann zum nächsten Hausbesuch aufgemacht. Sie hatte von ihm auch die Anweisung bekommen, den Rettungsdienst zu alarmieren, damit ihr Vater in eine Klinik eingewiesen wird. Während sie so erzählt, kramt sie bereits die Papiere, die der Doc dagelassen hatte, heraus. Sie überreicht uns einen Transportschein und die Einweisung, die so unleserlich geschrieben ist, dass wir lediglich das Wort „Schlaganfall“ erahnen können. Die Frage, ob denn der Doktor schon telefoniert und in einer Klinik angemeldet habe, verneinte sie.

Wir starten das volle Programm und verbringen den Patienten dann schnellstmöglich in unseren Rettungswagen, da ein Schlaganfall – und auch eine Hirnblutung, die ebenfalls in Frage kommt – so schnell wie möglich in einer Klinik diagnostiziert und behandelt werden muss, um die Folgeschäden so gering wie möglich zu halten. Gerade als wir am Einladen sind, kommt auch unser Notarzt an, dem ich eine detaillierte Übergabe mache, während mein Kollege bereits mit der Verkabelung beginnt. Auch unserem Notarzt ist sofort klar, was hier Sache ist und so ziehen wir glücklicherweise von Beginn an alle am gleichen Strang. Vorteilhaft für den Patienten, denn je schneller wir mit unserer Diagnose und Basisversorgung fertig und abfahrbereit sind, desto schneller kommt er in eine für ihn geeignete Klinik. In diesem Fall, also bei derart eindeutigen Symptomen, ist das noch relativ klar. Es gibt aber auch andere Notfallsituationen,  in denen wir einfach ein Wenig Zeit brauchen um herauszufinden, was genau das Problem ist und woher es kommt.

Stroke Unit - Quelle: st-vincenz.deUnser Notarzt beginnt umgehend damit, die drei in Frage kommenden, umliegenden Kliniken mit „Stroke Unit“ (Spezielle, neurologische Abteilung, die auf Schlaganfälle spezialisiert ist) telefonisch zu kontaktieren um den Patienten anzumelden.

Wir stehen bereits in den Startlöchern, nachdem das Telefonat mit der ersten Klinik beendet ist. „Die sind voll!“ teilt uns unser Notarzt kurz mit, während er bereits die nächste Nummer wählt. „Auch kein Platz…“ erfahren wir, bevor er beginnt die dritte und letzte Nummer in’s Handy einzutippen. Leider ist auch dort kein Platz mehr frei und so stehen wir erst einmal doof da.

Im nächsten Schritt informieren wir erst einmal unsere Leitstelle. Diese soll nun alle weiteren Kliniken mit neurologischer Abteilung abklären und uns – natürlich möglichst schnell – irgendwo anmelden.

Und so stehen wir da in unserem Rettungswagen… und warten… und warten… und warten noch länger. So lange, bis es uns zu bunt wird. Mein Kollege hatte zwischenzeitlich noch den Einfall gehabt, dass wir die nächstgelegene Klinik ja einfach Zwangsbelegen könnten (Ja, sowas ist durchaus möglich!), denn schließlich ist unser Patient ja noch im Lysezeitfenster! Der Notarzt teilt ihm jedoch ernüchternd mit, dass man nur Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung zwangsbelegen könne. Diese sind dann zur Aufnahme verpflichtet, müssen den Patienten behandeln und können, sofern kein Bett frei wird, in eine andere Klinik weiter verlegen. Eine Spezialabteilung wie die Stroke Unit könne man nicht zwangsbelegen, fährt er fort.

Nachdem sich zwischenzeitlich die Leitstelle immer noch nicht gemeldet hat, trifft unser Medizinmann die Entscheidung, dass wir nun nicht mehr länger warten, sondern den Patienten eben einfach in’s nächstgelegene und örtlich zuständige Kreiskrankenhaus (ohne Neurologie, aber wenigstens mit CT) verbringen.

Gesagt, getan! Zwar ist das nicht die Art von Klinik, in die unser Patient eigentlich gehört, aber wenn „ihn niemand haben will“, dann greift eben das Besser-als-Nichts-Prinzip. Schließlich ist ja nichts schlechter, als im Rettungswagen in irgend einem Kaff mitten in der Pampa rumzustehen…

Während wir uns langsam in Bewegung setzen, halten wir noch einmal kurz Rücksprache mit der Leitstelle und bitten darum, dennoch weiter nach einer aufnehmenden Neurologie zu suchen. Leider vergebens, denn einige Minuten später schieben wir den Patienten in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses. Die dortigen Ärzte sind natürlich – genau wie wir – davon keineswegs begeistert, denn sie haben schlichtweg nicht die Möglichkeit, diesem Patienten adäquat zu helfen.

 

Rettungsdienst Apoplex Schlaganfall Hirnblutung Notarzt

 

Doch jetzt kommt das, was uns alle erstaunt: Der diensthabende Internist zückt sein tragbares Telefon und wählt die Nummer der Stroke Unit in einem Krankenhaus nicht weit von hier. Genau genommen die Klinik, die wir als erstes angerufen hatten und abgelehnt wurden. Der Klinikarzt verschwindet kurz in seinem Dienstzimmer und kommt wenige Augenblicke später wieder heraus um uns mitzuteilen: „Neuro nimmt auf, ihr könnt hinfahren!“

Das ist so ein „What the F***??!“-Moment, den sicherlich jeder in unserem Beruf schon einmal erlebt hat. Zwar sind wir auf der einen Seite total froh, dass wir nun endlich einen geeigneten Klinikplatz haben (Denn das Zeitfenster für den Patienten war zwischenzeitlich bereits überschritten!), andererseits fragen wir uns alle, ob „die da drüben“ uns eigentlich vera****** wollen. Denn hätten die uns gleich bei unserem Anruf aufgenommen, wäre der Patient jetzt eben durchaus noch im Zeitfenster gewesen!

Der Rest des Einsatzes verläuft eigentlich dann wie jeder andere auch. Auf erneute Nachfrage in der Zielklinik bekommen wir zur Antwort, was wir in so einem Fall immer zur Antwort kriegen: Der Aufnahmearzt hat keine Ahnung wer da vorher mit uns telefoniert hat und geht schwer davon aus, dass zwischenzeitlich eben irgendwas frei geworden sei.

Meine Gedanken dazu erspare ich euch an dieser Stelle lieber.

 

Falsche Zeit, falscher Ort?

Nun kann man denken (und das ist natürlich auch durchaus plausibel!), dass das alles ein dummer Zufall oder eine Verkettung ungünstiger Umstände war. Diese Fälle sind aber nicht so selten, wie man vielleicht denken möchte. Die ewige Suche nach einer Klinik kennen bestimmt sehr, sehr viele Rettungsdienst’ler und Notärzte zu genüge.

Parallelen sind in diesen Fällen oft erkennbar. Ich möchte hier keine Unterstellungen machen, aber man erlebt sowas beispielsweise immer insbesondere dann, wenn man Patienten fortgeschrittenen Alters anmelden will. An dieser Stelle verweise ich mal ganz vorsichtig – und wirklich ohne, dass ich irgwendwem was unterstellen möchte – darauf, dass Krankenhäuser auch wirtschaftlich denken müssen. Auch hier werden Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgestellt (Wer möchte kann sich ja beispielsweise mal die Begriffe Case Mix Index (CMI) und Baserate (Fallwert) genauer zu Gemüte führen).

Da ich keinen genauen Einblick habe, stelle ich mir oft die Frage was genau da abgeklärt wird, wenn wir einen Patienten anmelden: Ist es das „Können wir dem Patienten helfen?“ oder nicht vielleicht doch das „Lohnt es sich für uns dem Patienten zu helfen?“. Wie gesagt, das ist bei Weitem keine Unterstellung, sondern ein kritisches Hinterfragen. Klar ist auf jeden Fall, dass die Ärzte und Pfleger in der betroffenen Notaufnahme definitiv die Falschen für derartige Fragen – oder gar Anschuldigungen – sind, denn sie tun logischerweise nur das, was der Arbeitgeber von ihnen verlangt… und auch sie geben immer 100%, wenn es darum geht dem eingelieferten Patienten zu helfen!

Aus unserer Sicht muss für sowas ganz dringend eine Lösung her. Denn wir sind es, die den Patienten im Auto haben. Wir sind es, die stundenlang telefonieren müssen. Und wir sind es auch, die den Frust der Angehörigen und Patienten abkriegen.

Auf der anderen Seite stehen dann immer noch die Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung, die diese Art von Patienten dann natürlich irgendwann „auf’s Auge gedrückt“ kriegen, obwohl klar ist, dass sie nicht besonders viel tun können. Da kommt dann immer die Frage auf „Warum kommt ihr damit ausgerechnet zu uns?“ und wir müssen dann eben erklären, dass wir nicht die Möglichkeit haben, Patienten mit nach Hause zu nehmen und uns eben irgendwann eine Lösung überlegen müssen… zumal bei solchen Geschichten natürlich auch Rettungsmittel gebunden werden, die nicht für andere Einsätze zur Verfügung stehen! Somit schadet sowas nicht nur dem Patienten bei uns im Auto, sondern auch all denjenigen, die während dieser Zeit womöglich länger auf Hilfe warten müssen.

 

Eine Lösung muss her!

Einer, der diese Problematik nur zu gut kennt, ist Dr. Scherer aus Rheinland-Pfalz. Er hat lange Zeit als Notarzt gearbeitet und ist nun Ärztlicher Leiter Rettungsdienst in Rhein-Hessen. Er hat sich dem Problem angenommen und – zumindest für Rheinland-Pfalz – eine erste Lösung dafür gefunden. Der SWR berichtete in einem kurzen Film darüber:

 

 

Eure Erfahrungen

Habt ihr auch schon derartig unschöne Erfahrungen gemacht, oder könnt ihr in eurem Bereich überhaupt nichts dergleichen berichten?

Gibt es vielleicht Lösungsansätze bei euch, oder habt ihr eigene Ideen wie man so etwas verhindern könnte?

Oder seid ihr in einer Klinik tätig und könnt uns von der anderen Seite und euren Erfahrungen berichten??

Ich bin gespannt auf eure Meinungen!


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