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Home Einsatzberichte Das hätte in’s Auge gehen können…!

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Es ist morgens, 4:20 Uhr als der Piepser mich und meinen Kollegen unsanft nach nur 40 Minuten Schlaf aus den Träumen reißt. „Notfalleinsatz, Sturz auf der BAB“ krächzt es aus dem Lautsprecher, als ich mich gerade hinsetze und versuche meine Hose richtig herum anzuziehen. „Sturz auf der BAB?“ höre ich meinen Kollegen verdutzt fragen. „Ja, habe ich auch verstanden!“ antworte ich und mache mich auf den Weg zum Fahrzeug.

„Es geht auf die BAB, Fahrtrichtung West, Höhe Parkplatz X, Person aus fahrendem LKW gesprungen, leicht- bis unverletzt. Polizei ebenfalls auf Anfahrt.“ gibt uns die Leitstelle den Auftrag durch. Ich wiederhole den Auftrag, mein Kollege fährt los, schaut mich dabei mit fragendem Blick an. „Na das hört sich ja spannend an…“ sage ich leise vor mich hin, während ich weiter versuche richtig wach zu werden.

Nach knapp 10-minütiger Anfahrt erreichen wir den Einsatzort. Drei Fahrzeuge – zwei PKW, ein LKW – stehen dort mit eingeschaltetem Warnblinker auf dem Seitenstreifen, ein junger Herr liegt am Boden und wird von vier Männern gegen den Asphalt gedrückt.

Kilian hält mit etwas Abstand zur „Unfallstelle“ hinter den Fahrzeugen an und versucht, den laufenden Verkehr so wenig wie möglich zu behindern. Ich drücke Status 4, werfe mir den Notfallrucksack auf den Rücken und gehe auf die Personen zu.

„Der spinnt komplett…“ spricht mich direkt einer der vier Männer an, die den jungen Mann am Boden fixieren „…der hat auf einmal angefangen zu schreien, dann ist er aus dem fahrenden LKW gesprungen und hat sich gottseidank noch an der Tür gehalten, während ich angehalten hab!“ schildert er mir die Situation.

Es herrscht ein großes Durcheinander an der Einsatzstelle, der junge Mann am Boden schreit von Zeit zu Zeit, versucht sich aus der misslichen Lage zu befreien.

Ich weiß im ersten Moment nicht so wirklich, was ich von dieser Situation halten soll und beschließe zuerst einmal, dass wir den Patienten hinter die Leitplanke bringen, wo ich ihn mir einmal ansehen kann.

Gesagt, getan. Die vier beteiligten Herren tragen den äusserst aufgebrachten jungen Mann über die Leitplanke hinweg und legen ihn dort im flachen Gras wieder ab. Ich gehe in die Hocke und versuche den Patienten anzusprechen und herauszufinden, ob er sich bei seinem waghalsigen Manöver irgendwelche Verletzungen zugezogen hat. Ich komme gar nicht dazu ihn zu fragen, wieso er aus dem Fahrzeug gesprungen ist, denn er kreischt und schreit durchweg unverständliches Zeug.

Erst nach einigen Minuten ruhigem Zureden scheint er etwas runter zu kommen und hört mir zur Abwechslung auch mal kurzzeitig zu. Da er nicht mehr wild um sich schlägt, weise ich die anderen Beteiligten an, ihn einmal etwas lockerer zu halten, damit ich zumindest einmal einen Bodycheck durchführen kann um herauszufinden, ob dem Knaben tatsächlich nichts fehlt.

Das Ganze klappt auch mehr oder weniger gut. Als ich die körperliche Untersuchung ohne nennenswerte pathologischen Befunde abgeschlossen habe, beginnt er erneut zu schreien und versucht, sich aufzusetzen. Diesmal äussert er jedoch lautstark und verständlich, dass man ihn loslassen solle und dass er sich gerne aufsetzen würde.

So ganz traue ich der Sache noch nicht, aber immerhin halten ihn zwei der vier Männer weiter fest, während er sich aufsetzt und schlagartig deutlich ruhiger wird.

„Jetzt erzählen Sie mir bitte einmal, was denn genau passiert ist…“ versuche ich erneut mit meinem Patienten in’s Gespräch zu kommen, während ich neben ihm in die Hocke gehe. Leider erhalte ich keine Antwort, stattdessen hält er sich die Hände vor’s Gesicht und schüttelt den Kopf.

Ich hatte zwischenzeitlich Kilian signalisiert, dass er einmal die Trage holen solle, damit wir den Patienten zumindest mal in den RTW laden und aus dem Gefahrenbereich bringen können.

Gerade als mein Kollege mit der Rolltrage ankommt und diese – auf der anderen Seite der Leitplanke – vorbereiten will, reißt sich der Patient schlagartig aus den Griffen der Passanten los, rennt los und springt schreiend über die Planke. Kilian versucht geistesgegenwärtig noch einen Hechtsprung, bekommt ihn aber nicht zu fassen und so rennt der junge Mann schnurstracks auf die Autobahn.

Ich habe nicht wirklich viel Zeit um zu überlegen und so treffe ich in diesem Moment eine wohl falsche Entscheidung: Ich schaue kurz nach links und sehe, dass sich dort ein LKW nähert. Da der Patient nicht quer über die Fahrbahn rennt, sondern eher in einem sehr spitzen Winkel auf den LKW zuläuft, renne ich ihm hinterher und bekomme ihn auch nach kurzer Zeit zu fassen. Ich reiße ihn mit aller Gewalt von den Füßen und schleudere ihn auf den Standstreifen, wo ich mich direkt auf ihn werfe.

Ich hatte, als er losgerannt war, nur einen kurzen Blick in Richtung LKW geworfen um dann festzustellen ‚Das reicht noch!‘. Glücklicherweise hat es tatsächlich noch gereicht und so höre ich nun, mit dem Patient auf dem Seitenstreifen liegend, wie der LKW und weitere Fahrzeuge auf der Autobahn scharf abbremsen und irgendwo auf unserer Höhe zum Stehen kommen.

Die anderen Beteiligten und mein Kollege kommen ebenfalls angerannt und helfen mir, den nun völlig aufgebrachten Patienten zu fixieren. Dieser ist nun nur noch am schreien und schlägt mit seinen Fäusten um sich.

Wir alle haben Mühe den jungen Herrn – der unfassbar viel Kraft entwickelt – irgendwie festzuhalten, ohne dabei einen seiner koordinationslosen Schwinger ab zu bekommen und so rufe ich Kilian zu: „MAD – 15 Dormicum!“

Mucosal Atomisation Device

Er setzt sich sofort in Bewegung und erscheint eine gefühlte Ewigkeit später mit einer Spritze mit aufgesetztem MAD (Aufsatz zur Applikation von Medikamenten über die Nasenschleimhaut – siehe Foto) in der Hand. Es dauert noch einige Sekunden, bis wir im Kampf mit dem Patienten seinen Kopf ruhig stellen können und Kilian ihm die 15mg Dormicum in die Nase blasen kann. Danach dauert es dafür gottseidank nicht mehr allzu lange, bis dieser langsam ruhiger wird und sich immer weniger wehrt.

Nach etwa drei Minuten haben wir ihn dann auf der Trage verschnürt und können ihn in den RTW einladen. Just in diesem Moment trifft auf eine Polizeistreife am Einsatzort ein. „Na prima!“ denke ich mir noch, „jetzt brauch ich euch auch nimmer!“

Im Fahrzeug wird noch ein Notarzt nachgefordert, dann mache ich erneut einen kompletten Bodycheck und fixiere den jungen Mann so gut wie möglich mittels Gurten an der Trage.

Esmarch-Handgriff

Die weitere Versorgung, bis unser Notarzt eintrifft, gestaltet sich gottseidank recht unkompliziert, unser Patient schlummert fröhlich vor sich hin und atmet dank Esmarch-Handgriff (Spezieller Handgriff zum Freimachen der Atemwege – siehe Bild!) auch suffizient.

Nun betritt einer der beiden Polizisten das Fahrzeug und kann uns anhand der Zeugenaussagen und einem Telefonat mit einer Angehörigen auch detaillierte Informationen liefern:

Es handelt sich um einen psychotischen Patienten, der bereits seit mehreren Jahren wegen massiver Panikattacken in Behandlung ist. Gestern Abend ist er von zuhause abgehauen, war als Tramper auf der Autobahn unterwegs und hat wohl – da er seine Medikamente nicht genommen hatte – wieder einen Anfall erlitten.

Der weitere Verlauf gestaltet sich unspektakulär, das verabreichte Medikament tut, was es soll. Wir fahren die behandelnde Klinik an und übergeben den – gottseidank körperlich unversehrten – Patienten.

Erst jetzt habe ich Zeit, mir Gedanken über den Einsatz zu machen und mir wird auch erst jetzt klar: „Verdammt, das hätte böse in’s Auge gehen können!“

 

Warum überhaupt?

Dieser Einsatz liegt nun schon einige Jahre zurück und ich hatte ihn schon relativ weit hinten in meinem Kopf eingeordnet gehabt. Erst als ich kürzlich über das nachfolgende Video der Polizei in UK gestolpert bin, kam der Einsatz schlagartig wieder hoch und so entschied ich mich, ihn hier zu posten.

Im Nachhinein bin ich zwar immer noch über meine Entscheidung, dem jungen Mann auf die Autobahn hinterher zu rennen, schockiert, aber ich bin dennoch heil froh, dass er nicht – wie die beiden Damen im Video – von einem Fahrzeug erfasst wurde!

Hier nun also ein Ausschnitt einer (englischsprachigen) Reportage, bei der zwei junge – offensichtlich ebenfalls geistig verwirrte und suizidgefährdete – Damen sich im Rahmen einer Polizeikontrolle plötzlich los reißen und auf die Fahrbahn rennen. Leider ist in diesem Fall aber deutlich mehr los und so werden beide auch von Fahrzeugen erwischt… Eine der beiden springt wenig später trotz ihrer Verletzungen sogar noch ein zweites Mal auf und rennt über die Gegenfahrbahn!

 

 

Es gibt schon wirklich verrückte Einsätze, die eigentlich keiner von uns gerne erleben möchte…


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Autor
Gründer, Administrator, Hausmeister und ‚Motor‘ des Blogs. Beiträge von ihm sind in allen Kategorien zu finden. Beruflich ist er als Dozent im Rettungsdienst, sowie als Lehrrettungsassistent und Einsatzleiter bei einer großen Hilfsorganisation in Süddeutschland tätig. Dank diverser Zusatzqualifikationen und stetigen Fort- und Weiterbildungen, sowie unzähligen Kontakten im In- und Ausland, ist er immer up-to-date und wird von Bekannten und Kollegen häufig als Ansprechpartner für alle möglichen Themen rund um den Rettungsdienst konsultiert. Er ist auf diversen Internetplattformen, sowie Messen und anderen Veranstaltungen zu den Themen Rettungsdienst und Notfallmedizin präsent und dauernd auf der Suche nach neuen und interessanten Themen für den Blog.